Innere Unzufriedenheit – ein „Weck-Ruf des Lebens“ nach dem Wesentlichen
Ganz ohne Frage - im Auf und Ab des Lebens mit all den Herausforderungen geraten wir immer mal wieder in ein Stimmungsbild der Unzufriedenheit und ein Gefühl von Enttäuschung, Ärger, Selbstzweifel und Sinnlosigkeit breitet sich aus: es läuft einfach nicht so, wie wir es gerne hätten!
Ein Missverständnis:
Wer glaubt, dass es möglich ist, immer gut drauf sein zu können und vor Begeisterung zu jubeln, hat aus meiner Sicht das Dasein mit seiner Dualität missverstanden. Leider wird diese Neigung durch den Hype der sozialen Medien und im reichen Angebot der Selbstoptimierungsmöglichkeiten geschürt, mit der Gefahr einer zunehmenden Entfremdung. Ob wir wollen oder nicht, ein gewisses Maß an unangenehmen Erfahrungen scheint wohl zum „Gesamtpaket Leben“ mit dazu zu gehören. Häufig sind gerade diese der Appell, sich einer Inventur zu unterziehen, mit der Frage: Worum es denn wirklich im Leben gehen könnte?
Die Dynamik in der Unzufriedenheit:
Tragischerweise wird Unzufriedenheit meist mit persönlichem Versagen und Scheitern gleichgesetzt. Unerfüllte oder enttäuschte Selbst- und Lebenskonzepte, die unverdaut sind, liegen dieser Einstellung häufig zugrunde, einhergehend mit Schuld- und Schamgefühlen. All dies kann sich entmutigend auf das Innenleben und in Konflikten im Umfeld auswirken. Ein Grundgefühl von Schwere und Bedeutungslosigkeit, bis hin zu Resignation schleicht sich ein, das chronisch werden kann. Aufgrund dieser Gefühlslage wird eher gezögert, sich jemandem anzuvertrauen und Unterstützung zu holen, die den Glauben an sich selbst und die Zuversicht zurückbringen könnte, um mit all seinen Gaben im Leben anwesend zu sein.
Der etwas andere Blick:
Wagen wir es doch mal, unseren Blick zu weiten und dieser inneren Stimmung von Unzufriedenheit unbelastet zu begegnen - sie als wohlwollenden „Weckruf des Lebens“ ganz persönlich an uns zu deuten. Gehen wir doch mal von der Annahme aus, dass darin ein Potenzial für Bewusstseinsentwicklung schlummern könnte … dann brauchen wir eine Orientierungshilfe aus einer Quelle, die Mut macht. Für mich ist das Gedicht von Hermann Hesse „Stufen“ (siehe Impulse) u. a. eine mutmachende Quelle, aus der philosophisch und ganz alltagsnah Sinnhaftigkeit geschöpft werden kann.
Eine Orientierungshilfe für menschliche Lebensprozesse:
Das Gedicht, das Hermann Hesse ursprünglich „Transzendieren“ nannte, beschreibt das Leben als einen fortwährenden Entwicklungs- und Reifeprozess, der einer Grundordnung folgt. Es bietet uns eine Orientierung, das Gesamtbild unserer menschlichen Reise von Stufe zu Stufe besser verstehen zu lernen und darin zu reifen:
Jede Lebensstufe, Tugend und Weisheit ist zeitlich begrenzt und blüht zu ihrer jeweiligen Zeit (die Natur ist hierbei eine großartige Lehrmeisterin).
Der Mensch soll sich also
- bei jedem Ruf … (hier kann diese unzufriedene Stimme im Inneren ein Barometer sein, nach einem neuen Sinn Ausschau zu halten – es ist das Herz gefragt, nicht der Verstand) …
- mit Tapfer- und Heiterkeit sowie ohne langanhaltende Wehmut von seinem alten Lebensstadium (Selbstkonzepte/Einstellungen, die sich erschöpft haben) verabschieden…
- und einen Neubeginn wagen… (hier ist die Verlockung groß, im Außen nach „dem Neuen“ zu suchen, anstatt in ein neues Lebensverständnis hineinzuwachsen mit einem frischen Geist und einem offenen Herzen. Dies braucht Zeit und Raum und ist keine Hau-Ruck-Aktion. Gute Inspirationen werden nach und nach kommen).
- Er soll sich außerdem an keiner der Lebensstufen festhalten, da der „Weltgeist“ für ihn keine Einengung, sondern eine Ausweitung von Stufe zu Stufe vorsieht (Vertrauen finden in diese gute Große Kraft).
- Hat man auf einer Stufe Heimat gefunden … (schleichen sich Monotonie, Langeweile und Verdrossenheit ein) …
- so droht man in eine Erschlaffung und Lähmung zu geraten (mit der Neigung, sich überstürzt im „Buffet der zahlreichen Ablenkungen“ zu verzetteln, die letztlich wieder in eine Unzufriedenheit führen).
Aus dieser Gesamtbetrachtung könnte dieses Gefühl der Unzufriedenheit der „Ruf eines wohlwollenden Weltgeistes“ sein: Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde!
Ein zuversichtlicher Blick nach vorne:
Der Bewusstseinsforscher Ken Wilber beschreibt u.a. in seinem herausfordernden Buch „Halbzeit der Evolution“, dass wir noch lange nicht das geistige Potenzial, das in uns allen steckt (und er meint hier nicht das egozentrische Kreisen um sich selbst), entwickelt haben, doch es macht Mut, danach Ausschau zu halten.
Wie dieser vor uns liegende Weg in seiner kollektiven Entwicklung im Sinne einer wohlwollenden Weltengemeinschaft aussehen könnte, weckt viele neue Fragen und braucht gut durchdachte Antworten, besonders mit Blick auf die Vielfalt an globalen und mit Leid verbundenen Krisen. Für mich als Friedensforscherin erfordert dies immer wieder eine gewisse Demut, mich meiner Begrenzungen anzunehmen und nicht auf alles Geschehen in der Welt eine schnelle und stimmige Antwort parat zu haben.
Doch der „Weltgeist“ will uns weiten … und vielleicht könnte ein nächster Schritt in diese Richtung gehen, das bislang kaum genutzte Potenzial aus der Weisheit unseres Herzens mit seiner Wandlungskraft zu erforschen.
Hier wage ich, den etwas antiquierten Begriff „Herzensbildung“ in den Mund zu nehmen. Die „Architektur der Liebe“ kann darin eine wertvolle Orientierung bieten und einen begehbaren Weg aufzeigen, der Freude in den Alltag bringt und einen inneren Frieden hervorzaubert, der Gold wert ist.